Noch vor wenigen Wochen war Homeoffice immer noch für viele Chefs ein rotes Tuch. Obwohl die technischen Möglichkeiten längst flächendeckend vorhanden waren, wurden sie nicht annähernd so genutzt, wie es möglich gewesen wäre.

Die Schranke für eine weitergehende Durchdringung war also keineswegs die fehlende Infrastruktur, sondern die Menschen und ihre Verhaltensmuster und Bedenken. Die Corona-Pandemie hat das in kürzester Zeit verändert: fast alle Arbeitnehmer und Arbeitgeber sagen einheitlich, dass die Umstellung viel besser geklappt hat, als sie befürchtet hatten und sogar überaus viele positive Effekte hat. Genannt werden Zeitgewinn durch wegfallende Anfahrtswege, erhöhte Produktivität, mehr Flexibilität, weniger Ablenkung und ein Gewinn an Lebensqualität, weil Familie und Beruf sich häufig besser vereinbaren lassen

Laut einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung arbeiteten vor der Corona-Krise nur rund ein Fünftel der Beschäftigten zeitweise aus dem Homeoffice. Nun ist der Anteil auf fast ein Drittel gestiegen. Auch wenn natürlich nicht alle Berufe für Homeoffice in Frage kommen, erleben wir doch gerade praktisch einen riesigen Feldversuch zu den Chancen und Grenzen von Homeoffice, der zu sichtbaren Veränderungen der Arbeitsorganisation auch über diese Zeit hinaus führen wird.

Nicht repräsentative Umfragen ergeben, dass die Situation als sehr befriedigend und produktiv erlebt wird. Auch sind die Betroffenen häufig selber davon überrascht, wie intensiv und effizient sie mit ihren Teams zusammenarbeiten und wie sie, zunächst „gezwungenermaßen“, alle verfügbaren Anwendungen sehr unkompliziert in ihre Arbeitsroutinen integriert haben.

Es ist von den individuellen Persönlichkeitsmerkmalen abhängig, wie gut man mit der Arbeit zu Hause klar kommt. Extrovertierten Menschen fehlt vielleicht der Austausch mit Kollegen, während Introvertierten die Situation alleine am Schreibtisch meist sehr entgegenkommt. Für den Berufserfolg ist es nicht entscheidend, ob man introvertiert oder extrovertiert ist, ebensowenig ist es dieses Kriterium, was darüber entscheidet, ob man sich zu Hause gut und produktiv organisieren kann. Dafür spielen eher Dinge wie Intelligenz, Gewissenhaftigkeit und  Qualifikation eine Rolle. Arbeitnehmer, die in der Lage sind, ihre Arbeit zu priorisieren und in einzelne Abschnitte zu gliedern, kommen im Homeoffice häufig zu qualitativ wie quantitativ besseren Ergebnissen.

Fest steht: mit Homeoffice-Angeboten können Jobs individueller zugeschnitten werden und Mitarbeiter sind produktiver, je zufriedener sie sind. Ein guter Grund für Chefs, in der nächsten Zeit genau hinzuschauen, wer in den Wochen von Corona-Homeoffice vielleicht sogar über sich hinauswächst. Schon oft haben Krisen zu Entwicklungssprüngen geführt und so steht zu erwarten, dass nach der Krise die Beschränkungen für mobiles Arbeiten abnehmen werden, um so Ressourcen gezielter nutzen zu können.